Chemnitz, 27.08.2018

Ich stehe in der ersten Reihe. Vor mir, Menschen die sich gegen Menschenverachtung einsetzen, hinter mir eine löchrige Reihe von Polizisten, dahinter mehrere geschlossene Reihen von Menschen, denen ihre Aggression ins Gesicht geschrieben steht.

Einer kommt ‘rüber. Von drüben. Beleidigt Ordner und Demonstranten. Er ist einfach an der Polizei vorbei gelaufen.

Als es zum Handgemenge wird gehe ich mit hin. Ziehe an seiner Schulter und versuche Polizisten heran zuwinken Erst keine Reaktion. Ich rufe zur Polizei “HILFE!”, dann kommen ein paar Polizisten.

Einer greift nach ihm, eine Beamtin fragt mich “Ist der von drüben?“ Ich nicke. Sie schieben ihn zurück in seine Demo.

Wenig später ein ähnliches Bild. Der Mann ist wieder ohne aufgehalten zu werden an der Polizei vorbei spaziert Zumindest mussten wir die Polizei diesmal nicht bitten zu helfen, diesmal kamen sie von allein.

Davor und danach kamen immer wieder Leute ‘rüber. Manche “redeten”, sie erklärten uns, dass die “Ausländer” die bei uns stehen an allem Schuld wären. Dass es alles Mörder und Vergewaltiger wären.

Andere stehen mit wenig Abstand und ferngehalten von einzelnen Polizisten vor uns und brüllen.

Verpisst euch!“ “Kanackenschweine!“ “Wir kriegen euch!“ “Kommt rüber dann zeigen wir es euch!“ “Aufs Maul!

Ich drehe mich um in der Hoffnung, sie werden zurück gedrängt.

Man sammelt sich…

Mehr und mehr Leute von der PRO Chemnitz Demo sammeln sich auf der Terrasse vom Terminal 3. Stehen nur wenige Meter neben uns. Die Tür zu dem Gang der zu unserer Kundgebungsfläche führt ist offen.

Ich gehe zur Polizei. Spreche sie an. Erkläre, dass sich Demonstranten von der PRO Chemnitz Demo neben uns Sammeln, auf “unserer Seite”. Als ich das “unserer Seite” ausspreche drehen sich dir Worte bei mir im Magen um.

So weit ist es schon wieder. Die und wir. Gegeneinander…

Der Polizist antwortet, er scheint verwundert. Dann meint er, sie behalten das jetzt im Auge, können aber nichts machen, sie haben niemanden mehr den sie da hoch schicken können.

Angriff…

Kurz darauf, ich höre lautes Grölen drehe mich seitlich damit ich beide Seiten sehen kann. Etwas kommt geflogen. Ich weiche aus. Scherben streifen mein Bein.

Ich brülle in unsere Menge “Zurück in den Park! Zurück in den Park verdammt!

Wieder knallt es, ich immer seitlich um die Wurfgeschosse zu sehen und zeitgleich unsere Leute in den Park zurück zu drängen.

Vor, hinter und neben mir regnet es Flaschen. Es pfeift, ein lauter Knall ist zu hören. Hinter mir brennt es blau und rot. Pyrotechnik.

Ich brülle wieder “Zurück in den Park!“, ohne und mit Megaphon.

Die Ersten rennen los, einige wollen stehenbleiben. Wir drängen sie gemeinsam zurück Richtung Park.

Ich bekomme einen Schlag in den Rücken. Drehe mich um, sehe nur einen Polizeihelm. “Seid ihr bescheuert? Bewegt euch doch mal!“.

Vor mir wird ein älterer Mann hochgehievt auf das Vordach des Parkhauses.

Noch ein Schlag in den Rücken. Neben mir schubst ein Polizist einen unserer Leute. Er fängt sich will sich zum Beamten drehen, brüllt ihn an. Der Polizist holt aus, ich schiebe mich dazwischen.

“Geh einfach weiter”,

drehe mich um:

“Wir machen so schnell wir können”

Der Polizist senkt den Arm. “Jetzt macht doch mal hin!

Ich nur: “Ja.”

Wir schieben, hieven, heben und drücken unsere Leute zurück. Der Flaschenregen hat aufgehört.

Verzweiflung…

Ich sehe einen der Anmelder. “Komm mit dem Megaphon mit”

Wir gehen zu den Polizeiautos. “Rufe Herrn F., den Einsatzleiter, wir sollten ihn hier suchen!”

Ich lehne mich auf einen der Polizeiwagen, Megaphon vor dem Gesicht. “Wir suchen den Einsatzleiter der Polizei, Herr F.”

Keine Reaktion.

Anmelder zu mir: “Die Nazis kommen durch den Terminal auf unser Gelände”

Ich wieder: “Wo ist der Einsatzleiter, wir wollen ihn sprechen! Wir sollten ihn hier finden!”

Wieder, keine Reaktion.

Doch, drei auf dem Sockel des Marx-Monumentes stehende Glatzen rufen. “Herr F. zur Kasse!”, lachen, “Ruft doch eure Mutti!”, lachen, “Wir kommen gleich ‘rüber!”

Eine Polizistin läuft nah genug an mir vorbei um sie anzusprechen. “Wissen Sie wo Herr F. ist? Die brechen zu uns durch den Terminal durch!

Polizistin: “Ich weiß es nicht. Ich kann Ihnen nicht helfen, wir sind einfach viel zu wenig hier…